Nachhaltigkeit im Projekt- und Portfolio-Management

Nachhaltigkeit systematisch in PM und PPM integrieren

LINAP – Unser ganzheitlicher Ansatz

Nachhaltigkeit ist in vielen Organisationen strategisch angekommen. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch in der Umsetzung. Eine PMI-Studie aus 2026 mit rund 1.600 Projektfachleuten und Führungskräften aus 35 Ländern zeigt eine deutliche Lücke zwischen strategischem Anspruch und operativer Realität: Während 85 % der Führungskräfte im Nachhaltigkeitsbereich zuversichtlich sind, dass ihr Unternehmen seine Ziele erreichen kann, teilen nur 43 % der PMO-Leitungen diese Einschätzung; bei Projektfachleuten sind es lediglich 20 %. Gleichzeitig geben 79 % der Befragten an, dass Nachhaltigkeit ihr Unternehmen langfristig stärkt, aber nur 41 % sehen sie bereits vollständig in Projekte und Funktionsbereiche integriert.

Damit wird deutlich: Nicht das Ob, sondern das Wie der Integration ist die eigentliche Herausforderung.

Die Lücke zwischen Anspruch und Projektalltag

Nachhaltigkeit ist inzwischen auch in etablierten Projektmanagementstandards angekommen. Häufig bleibt ihre Behandlung jedoch prinzipien- oder normorientiert. Andere Ansätze stellen bereits konkrete Instrumente bereit, gehen dafür aber teilweise mit erheblichem methodischem und dokumentarischem Aufwand einher.

Für Organisationen entsteht daraus ein Spannungsfeld: Nachhaltigkeit soll wirksam in Projekte und Portfolios integriert werden, ohne jedes Projekt mit denselben Anforderungen, Methoden und Nachweispflichten zu belasten.

Genau hier setzt LINAP an.

LINAP steht für „Leitfaden für die Integration von NachhaltigkeitsAspekten in Projektmanagementsysteme“. Der Ansatz verbindet Nachhaltigkeitsmanagement mit bestehenden Strukturen des Projektmanagements und Projektportfoliomanagements und verfolgt dabei eine differenzierende Grundidee:

Relevanz klären → Aufwand dosieren → Entscheidung verankern.

1. Relevanz klären

Nicht jedes Nachhaltigkeitsthema ist für jedes Projekt gleichermaßen bedeutsam. LINAP prüft deshalb zunächst, wo und warum Nachhaltigkeit für das konkrete Projekt entscheidungsrelevant ist.

Dazu werden drei Perspektiven miteinander verbunden.

Projekttyp

LINAP unterscheidet drei grundlegende Nachhaltigkeitsperspektiven:

SiP – Sustainability in the Project betrachtet die Nachhaltigkeit der Projektdurchführung selbst, beispielsweise Beschaffung, Reisen, Energieverbrauch oder Arbeitsbedingungen.

SbP – Sustainability by the Project richtet den Blick auf das Projektergebnis und dessen Wirkungen über den Lebenszyklus.

P4S – Project for Sustainability bezeichnet Projekte, bei denen Nachhaltigkeitswirkung selbst zum eigentlichen Projektzweck gehört.

Diese Typisierung hilft dabei, früh zu erkennen, in welcher Richtung Nachhaltigkeit für ein Projekt relevant wird.

Hotspots

Anschließend wird untersucht, welche Nachhaltigkeitsthemen tatsächlich besondere Aufmerksamkeit verdienen. Im Mittelpunkt stehen solche Aspekte, die eine hohe Wesentlichkeit besitzen und zugleich vom Projekt ausreichend beeinflusst werden können.

Das Ziel ist bewusst fokussiert: Nicht möglichst viele Nachhaltigkeitsthemen sollen bearbeitet werden, sondern diejenigen mit dem größten Steuerungspotenzial.

Trigger

Zusätzlich berücksichtigt LINAP sogenannte Trigger. Dabei handelt es sich um vorab definierte Bedingungen, die höhere Anforderungen auslösen können.

Solche Trigger können beispielsweise entstehen durch:

  • externe oder vergleichende Nachhaltigkeits-Claims,
  • hohe Wesentlichkeit eines Nachhaltigkeitsthemas,
  • regulatorische oder vertragliche Anforderungen,
  • besondere Risiken oder Compliance-Fragen.

Trigger sorgen damit dafür, dass sich die Anforderungen an ein Projekt bei Bedarf gezielt verschärfen.

2. Aufwand angemessen dosieren

Die Feststellung, dass Nachhaltigkeit relevant ist, bedeutet in LINAP nicht automatisch, dass jedes Thema mit maximaler methodischer Tiefe bearbeitet werden muss.

Der Leitgedanke lautet:

So viel Rigor wie nötig – so wenig Zusatzaufwand wie möglich.

LINAP arbeitet hierzu mit zwei komplementären Steuerungsgrößen.

Verbindlichkeit – „Muss ich das tun?“

Praktiken und Anforderungen werden unterschiedlich verbindlich eingestuft. LINAP unterscheidet dabei zwischen:

OPTIONAL – EMPFOHLEN – KONDITIONAL – MUSS (Typ) – MUSS (Safeguard).

Damit lässt sich unterscheiden, ob eine Maßnahme lediglich sinnvoll sein kann, grundsätzlich empfohlen wird, erst unter bestimmten Bedingungen verpflichtend wird oder als Mindeststandard einzuhalten ist.

3. Nachhaltigkeit in Entscheidungen verankern

Evidenzstufe/Rigor – „Wie gut muss ich es belegen?“

Parallel dazu legt LINAP fest, wie belastbar die geforderte Evidenz sein muss. Dafür dient eine abgestufte Evidenzleiter von L0 bis L4:

  • L0: qualitative Orientierung,
  • L1: indikative Abschätzung,
  • L2: robuste Quantifizierung,
  • L3: vergleichs- und claimfähige Evidenz,
  • L4: audit- bzw. assurancefähige Evidenz.

Damit kann beispielsweise für eine interne Orientierung ein deutlich geringerer Nachweisaufwand ausreichend sein als für eine öffentlich kommunizierte Nachhaltigkeitsaussage.

Nachhaltigkeit wird erst dann wirksam, wenn sie konkrete Projekt- und Portfolioentscheidungen beeinflusst.

LINAP bindet Nachhaltigkeitsaspekte deshalb in bestehende Steuerungspunkte ein. Dazu gehören beispielsweise:

  • Projektfreigaben,
  • Priorisierungsentscheidungen,
  • Auflagen und Nacharbeiten,
  • Nachweis- und Reviewanforderungen,
  • Gates im Projektverlauf.

Ein mehrstufiges Gate-Modell unterstützt die Integration über den Projektlebenszyklus hinweg: von der frühen Zulässigkeitsprüfung über Design und Nachweisplanung bis zur Abschlussbewertung und zur Überführung von Erfahrungen in Portfolio-Standards.

Damit endet Nachhaltigkeitsmanagement nicht bei einer Analyse oder Dokumentation, sondern wird Teil des regulären PM- und PPM-Steuerungssystems.

Prinzipien, Praktiken und konkrete Werkzeuge

LINAP versteht sich nicht nur als Steuerungslogik. Der Ansatz verbindet Prinzipien, Praktiken, Methoden und konkrete Artefakte.

Zu den zugrunde liegenden Prinzipien zählen beispielsweise:

  • Lebenszyklusorientierung,
  • Effizienz, Suffizienz und Konsistenz,
  • Do-no-significant-harm,
  • Vorsorge,
  • Verursacherprinzip,
  • Stakeholder-Inklusivität.

Auf operativer Ebene stehen zahlreiche Praktiken zur Verfügung, beispielsweise:

  • Hotspotanalyse,
  • Stakeholder- und Kontextanalyse,
  • Nachhaltigkeitsziele,
  • CO₂-Bilanz und Carbon Footprint,
  • Theory of Change,
  • Baseline und Counterfactual,
  • Claims-Review,
  • Maßnahmenregister,
  • Nachhaltigkeits-Audit,
  • Sustainable Project Canvas (SPC).

Der entscheidende Punkt ist dabei nicht die Zahl der verfügbaren Methoden. Die LINAP-Steuerungslogik hilft vielmehr dabei zu bestimmen, welche Praktik in welchem Projekt mit welcher Verbindlichkeit und welchem Rigor tatsächlich sinnvoll ist.

Integration statt zusätzlicher Parallelprozess

LINAP verfolgt bewusst nicht das Ziel, ein separates Nachhaltigkeitsmanagement neben dem bestehenden Projektmanagement aufzubauen.

Nachhaltigkeitsaspekte sollen vielmehr in vorhandene Strukturen integriert werden, etwa in:

  • Projektantrag und Business Case,
  • Projektplanung und Projektsteuerung,
  • Stakeholder- und Risikomanagement,
  • Beschaffung und Ressourcenmanagement,
  • Projektfreigaben und Gates,
  • Portfoliobewertung und Priorisierung,
  • Nutzen- und Wirkungsbewertung.

Dabei kommt dem Projektportfoliomanagement eine besondere Funktion zu: Es übersetzt strategische Nachhaltigkeitsziele in konkrete Projektentscheidungen und verbindet damit Unternehmensstrategie, Projektportfolio und operative Projektarbeit.

Was LINAP erreichen soll

LINAP verfolgt einen ganzheitlichen, zugleich aber bewusst schlanken Ansatz.

Der Anspruch lautet:

  • Nachhaltigkeit nicht pauschal, sondern projektspezifisch betrachten,
  • knappe Ressourcen durch gezielte Priorisierung schützen,
  • Anforderungen und Nachweise proportional zum tatsächlichen Fall gestalten,
  • konkrete Praktiken und Artefakte bereitstellen,
  • Nachhaltigkeit wirksam in PM- und PPM-Entscheidungen verankern.

Kurz gesagt:

LINAP soll Nachhaltigkeit nicht nur sichtbar, sondern entscheidungsfähig machen.

Aktueller Stand und Praxisevaluation

LINAP liegt derzeit als weit entwickeltes konzeptionelles Framework vor. Die grundlegende Steuerungslogik, Projekttypisierung, Hotspotanalyse, Trigger, Verbindlichkeit, Evidenzstufen, Gates sowie zahlreiche Praktiken und Artefakte sind ausgearbeitet.

Der nächste wesentliche Entwicklungsschritt ist die systematische praktische Evaluation.

Dafür werden Organisationen gesucht, die LINAP anhand realer Projekte oder im Rahmen ihres Projektmanagement- bzw. Projektportfoliomanagementsystems erproben möchten. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Frage, ob einzelne Instrumente funktionieren, sondern insbesondere, ob die gesamte Logik im Unternehmensalltag wirksam, verständlich und mit vertretbarem Zusatzaufwand anwendbar ist.

Interesse an einer Praxiserprobung oder einem Pilotprojekt?
Dann freuen wir uns über den Austausch.